Djamilo- ein kleiner Rüde auf dem Weg ins Leben
Dies ist die Geschichte von Ben"Djamilo", einem fauven Briardrüden aus unserem B-Wurf. Sie begann am 12.April 2004, als Djamilo als siebter von acht Welpen geboren wurde. Da er als einziger einen langen weißen Bruststreifen hatte, konnten wir ihn gut von den anderen unterscheiden.
Nach zwei Tagen fiel uns bei ihm etwas Milchfluß aus der Nase auf. Wir dachten, er sei vielleicht so gierig beim Trinken und auch die Tierärztin meinte, das könne durchaus normal sein und sei kein Grund zur Besorgnis. Der Welpe entwickelte sich zunächst im gleichen Umfang, wie seine Geschwister, aber es war fast immer nach dem Trinken etwas Milch an seiner Nase zu sehen. Am neunten Tag hörte ich ein leichtes rasselndes Atemgeräusch und ich war sehr besorgt. Gleich am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Welpen in eine Tierklinik.
Man fertigte zwei Röntgenaufnahmen an. Eine zur Lungendarstellung, die andere mit einem Kontrastmittel, um die Speiseröhre darzustellen.
Trotz des Atemgeräusches waren die Lungen frei. Die Aufnahme der Speiseröhre allerdings zeigte uns ein ganz anderes Problem und die Diagnose war schnell gestellt: Megaösophagus(MO).
Dabei handelt es sich (einfach ausgedrückt) um eine ganze oder teilweise Erweiterung der Speiseröhre um ein vielfaches. Die Folge ist ,dass aufgenommene Nahrung nicht in den Magen transportiert werden kann und sich zum großen Teil in der Speiseröhre ansammelt und dann unverdaut wieder zurückfließt (= Regurgitieren). Dabei ist die Gefahr einer Lungenentzündung sehr groß, da die zurücklaufende Nahrung eingeatmet werden kann.
Meistens bemerkt der Züchter erst, daß etwas nicht stimmt, wenn die Welpen zur festen Nahrung übergehen. Ein Hund mit MO regurgitiert die Nahrung direkt nach Aufnahme wieder. Er hustet quasie den zerkleinerten, aber unverdauten Speisebrei wieder heraus, ohne das bekannte Würgen und Zusammenziehen der Bauchmuskulatur, wie es beim Erbrechen zu sehen ist. Er nimmt nicht im gleichen Maße zu wie seine Geschwister und schon nach kurzer Zeit ist ein deutlicher Entwicklungsunterschied erkennbar. Die Gefahr der Pneumonie (Lungenentzündung) besteht nach wie vor, wenn der Hund z.B. etwas trinkt und sich dann hinlegt. Alles zusammen genommen wird ein Welpe mit MO meistens relativ bald eingeschläfert, um ihm ein langes Leiden zu ersparen.
Die Ursachen für einen MO sind vielfältig, z.B. durch Vergiftungen, Muskel und Nervenentzündungen, Schilddrüsenfehlfunktion u.a. Ein Megaösophagus kann angeboren sein oder aber später erworben werden durch o.g. Erkrankungen und Störungen. Es gibt manche Hunderassen, bei denen MO sehr häufig auftritt,wie beim Irischen Setter, Deutsche Doggen, weißen Schäferhunden u.a. In manchen Zuchtvereinen werden alle Welpen prophylaktisch geröntgt.
In Deutschland hatten zumindest die Briardzüchter, welche ich angesprochen habe noch nichts von einem MO gehört.
Ich hatte bis dato aber von drei Fällen aus den Niederlanden gehört, bei denen Briardwelpen erkrankt waren. Ich informierte mich umgehend bei den betroffenen Züchtern darüber und alle waren einhellig der Meinung, daß ein MO nicht das Todsurteil bedeuten muß. So einen Hund großzuziehen ist aber mit viel Arbeit, Zeit und Mühe verbunden und man hat keine Sicherheit, wie der Hund sich entwickeln wird und wie schwer die Störung ist. Die drei niederländischen Briards sind mittlerweile alle ausgewachsen und leben Beschwerdefrei. Die Besitzer haben dafür einiges getan. Um nur ein paar Dinge zu nennen: Fütterung aus einem Napf in mindestens Schulterhöhe, mehrere kleine Mahlzeiten am Tag, nur dickbreiige Kost, den Hund nach dem Essen etwas erhöht halten, nicht aus Pfützen trinken lassen etc. Kurz gesagt, man braucht ein sehr gutes Fütterungsmanagement und die entsprechende Kraft und Zeit dafür und das vielleicht ein Hundeleben lang. Für die niederländischen Züchter war die Aufzucht ebenso mühsam und es mussten Menschen gefunden werden, die bereit waren es mit dem Welpen zu probieren. Letztendlich sagten alle, die Mühe habe sich absolut gelohnt.
Nun zurück zu unserer Geschichte:
Ich begann im Internet zu recherchieren und fand sehr viele MO Geschichten bei den unterschiedlichsten Rassen. Die Beschreibungen der Leidensgeschichten waren nicht sehr aufbauend und es ist unglaublich, wieviel manch einer für seinen Hund auf sich nimmt.
Aber: die meisten hatten ihre Hunde schon eine Weile, bevor sich beim erwachsenen Hund ein MO zeigte und es war in dem Fall selbstverständlich alles für seinen Freund zu tun.
Es ist aber etwas anderes, sich wissentlich mit einem solch geschädigten Welpen zu belasten.
Aber so weit waren wir mit unseren überlegungen bei Djamilo ja noch nicht. Wir wussten zunächst gar nicht wie wir mit dieser Diagnose umgehen sollten und fuhren zwei Tage später zu unserer Tierärztin.
Nachdem sie gehört hatte was los ist, riet sie uns den Welpen gleich einzuschläfern. Alle Fälle die sie bis dahin gesehen hatte, seien früher oder später erlöst worden.
Gegen diesen Gedanken sträubte ich mich, denn bis auf den Milchfluß war dieser Kleine sehr lebendig und lebenslustig. Wir beschlossen, uns ein Zeitlimit zu setzten und die Entwicklung zu beobachten. Sollte der Welpe wirklich "kümmern", wollten wir in zehn Tagen eine klare Entscheidung treffen. Zuhause begannen wir den Welpen nach jedem Trinken hochzunehmen und eine Weile aufrecht zu halten, um den Milchfluß in den Magen zu gewährleisten. Die gesamte Familie und auch unsere Nachbarin mit ihren Kindern, entwickelte sich zu begeisterten Welpenträgern. Doch zunächst sah es nicht gut aus: Tatsächlich waren die anderen Welpen nach ein paar Tagen deutlich schwerer als Djamilo, bei gleichem Geburtsgewicht und ich machte mir wirklich viele Gedanken zum Einschläfern. Dann begann ich zuzufüttern. Für Djamilo stellte ich den Napf so hoch, daß er sich recken mußte und auch das Trinkwasser für alle Welpen wurde hoch gestellt. Djamilo fraß mit Begeisterung und schien förmlich zu explodieren, er nahm unglaublich toll zu, er regurgitierte nicht, wurde aber auch immer von uns getragen. Die zehn Tage waren um und es gab für uns keinen Grund, ihn tatsächlich einzuschläfern.
über ein Internetforum fand ich einen Tierarzt, welcher viel Erfahrung mit MO bei irischen Settern hat. Ihm stellte ich den Welpen und die entsprechenden Röntgenbilder vor. Dieser Arzt stärkte uns dann nochmal den Rücken und meinte der Hund habe alle Chancen, groß zu werden. Manchmal würde sich ein angeborener MO auch verwachsen, es gäbe aber keine Garantie.
Das einzige Problem das sich uns nun noch stellte war, geeignete Menschen zu finden. Wir rührten kräftig die Werbetrommel und waren dabei sehr direkt und offen. Notfalls wollten wir den Hund selber behalten, auch wenn das für uns große Einschränkungen bedeutet hätte.
Außerdem beantragten wir beim Verein einen Zuchtausschluß für diesen Hund. Wir wissen schließlich nicht woher der MO nun gekommen ist und wollten sicherstellen, daß dieser Hund nie in die Zucht gelangen kann.
Der Rüde entwickelte sich weiter prächtig und wir konnten keinerlei Symptome mehr erkennen. Mit sieben Wochen ließen wir eine neue Röntgenaufnahme fertigen, mit absolut positivem Ergebnis:
die Speiseröhrenerweiterung hatte sich komplett zurückgebildet- Djamilo war gesund!!
Gleich an diesem Abend fanden wir eine neue Familie.
Djamilo heißt nun Paulchen und lebt zusammen mit einem 14jährigem Briardrüden. Er wird mittlerweile ganz normal gefüttert. Das einzige was noch an seine schwere Zeit erinnert ist, daß er Kinder über alles liebt und super verschmußt und menschenbezogen ist.
Wir sind stolz und froh, dass wir diesem Welpen die Chance geben konnten und hoffen mit diesem Bericht vielleicht manch einem Mut gemacht zu haben. Ein Versuch lohnt sich immer.
Wer Fragen zu diesem Thema hat oder sich etwas mehr belesen möchte kann sich gerne bei uns melden. (mechthild@lohdille.de )
Mechthild Bender (Briards von der Lohdille )
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